Mittwoch, 2. Mai 2012

Fünf nüchterne Thesen zur Zukunft von Social Media: "Is' alles gar nich' so wild"

Der alljährliche wiederkehrende Hype um die aktuell wieder einmal stattfindende re:publica und die eher lustlose Diskussion um die "10 Thesen zur Zukunft von Social Media" des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. machen Lust am Thesen-Getöse mitzuwirken.

Also - Tataaa! - hier ist nun mein Diskussionsbeitrag zur Versachlichung mit der klaren Botschaft: "Is' alles gar nich' so wild" oder: "Das Leben geht weiter..."


These 1:
Es geht nicht nur um Social Media.

Wenn man Social Media Kanäle so mitliest, erkennt man recht schnell, dass es in Social Media nur um Social Media geht. Das Ganze ist recht selbstreferenziell. Sicher: Es sind schon verdammt viele Menschen mit dabei, aber auch wenn es die Hälfte sein sollte, so bedeutet dies, dass die andere Hälfte eben noch nicht dabei ist. Und auch wenn wir alle diese phantastischen, neuen Kanäle nutzen, muss das auch noch nicht heißen, dass wir ausschließlich darin agieren wollen. Vielleicht wollen wir via Twitter auch nur die Adresse eines Ladenlokals erfragen, um dort hinzufahren oder die Rufnummer eines Sachbearbeiters erfahren, um mit ihm zu telefonieren.

Es wird künftig eher um das Zusammenspiel von Web 2.0, Web 1.0 und Offline gehen als um neue soziale Gimmicks gehen. Kommunikation wird auch weiterhin nur im 360-Grad-Rundumschlag wirklich erfolgreich sein.

Auch wenn wir Social Media affinen Menschen Social Media ganz toll und ganz aufregend finden: Es gibt noch ein Offline-Leben und das ist verdammt klasse! Einfach mal in den Wald gehen und Wald-Geruch einatmen oder im Zoo versuchen, die Affen nachzumachen. Oder einfach mal ein Bierchen trinken und nicht darüber twittern müssen - früher ging das doch auch.


These 2:
Der Mensch ist nicht genug.

Irgendwann hieß es mal, die Deutschen wären in 1,4 Social Communities aktiv. Das heißt: Eine nutzen sie richtig (vermutlich: Facebook) und in einer anderen haben sie sich mal angemeldet (vermutlich: keine Ahnung mehr). Ich höre auch immer häufiger, dass Freunden und Kollegen einfach die Zeit fehle, sich immer in all den Kanälen zu tummeln und umzusehen.

Die menschliche Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit reicht nicht aus. Wir brauchen digitale Extensionen, die weit über unsere Mobiltelefone hinausgehen müssten. Aber wir könnten uns schon gar nicht all die Passwörter merken, aber wir wollen auch nicht, dass Google oder Microsoft das für uns übernimmt. Das führt auch so gnadenloser Mehrfachverwertung von immer spärlicheren Inhalten: Das Gezwitscher kann bei Facebook nachgelesen werden und die Instagram-Bilder füttern alle Kanäle. Wer überall mit allen befreundet bleibt, sieht immer nur dasselbe.


These 3:
Auch eure kleine Spielecke wird Bandenwerbung bekommen.

Ich habe auch mal Soziologie studiert und könnte etwas über die "Vermachtung öffentlicher Räume" zusammenschreiben. Es ist gut und schön, dass über Social Media jedem die Möglichkeit zum Publizieren gegeben ist und häufig auch Einzelpersonen den Einfluss von Organisationen gewinnen konnten. Aber der ganze basisdemokratiscche Traum bekommt ein Loch, wenn die wirklich Großen anfangen mitzuspielen. Es ist völlig egal, ob es sich um Konzerne der Bewusstseinsindustrie (also: Medien) oder andere Organisationen und Unternehmen handelt: Wer mit Budget und Ressourcen in die Diskussion einsteigt, wird am Ende die längeren Atem haben.

Das muss man nicht gutfinden, aber Geschichte wiederholt sich ja nun mal gerne: Das Internet wurde von kommerziellen Kommunikation übernommen und auch bei den sozialen Kanälen wird das passieren. Ist ja auch logisch: Die Plattformen verdienen nur Geld mit denen, die dafür bereit sind zu zahlen. Auch die re:publica als das Fest der Unabhängigen sucht Sponsoren und hat auch schon welche und lässt Firmen versuchen, sich kreativ einzubringen. Die schöne neue Medienfreiheit ist immer nur die Freiheit, die andere einem gewähren - die Spielregeln bleiben immer gleich.


These 4:
Wenn wir über etwas reden sollten, dann über Qualifikationen.

Ich berate in vielen Social Media Projekten. Und wenn ich dabei den Leutchen eines beibringe, dann ist es die Tatsache, dass sie Social Media Kommunikation an sich nicht lernen müssen. Im Web 2.0 wenden wir nur unsere alltäglichen Kulturtechniken digital an. Wer bloggt, sollte sich vorstellen, er würde guten Bekannten oder Kollegen etwas bei einem Bierchen erklären oder erzählen - einfach so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und mit einem gesunden Hang zu Fabulieren. Und wenn man bei Twitter oder Facebook einen Dialog führt, dann sollte man das genauso tun, wie man sich auch mit anderen Personen E-Mails schreiben oder sich am Telefon unterhalten würde.

Na gut, es gibt auch Menschen, die das (Miteinander-) Reden in Seminaren lernen müssen, aber die meisten können es eigentlich und müssen nicht geschult oder qualifiziert werden. Ich rede eigentlich von den Koordinatoren, denjenigen, die schon vorher für die Website und die Internet-Aktivitäten in Unternehmen und Organisationen verantwortlich waren und es meistens auch noch nicht.

Wie sind die eigenltich an ihre Jobs gekommen? Was hat sie dafür qualifiziert? Inzwischen ist es sicher die praktische Erfahrung, die auch eine Menge wert ist. Aber so wie es versäumt wurde einen Ausbildungskanon für die Online Kommunikatoren zu definieren, hinken wir natürlich auch in Bezug auf Social Media hinterher. Ich glaube auch nicht, dass es sinnvoll wäre eine Qualifikations-Portfolio für den Social Media Manager zu schnüren, denn:


These 5:
Social Media wird verschwinden, wenn das Web 2.0 wieder im Web 1.0 aufgeht und alles nur noch Internet ist.

Ich bin bestimmt und bei weiten nicht der Einzige und schon gar nicht der Erste, der diese naheliegende Behauptung aufgestellt. Dies lässt sich aller Orten im Netz ergoogeln. Von daher ist diese These eigentlich eine Binsenweisheit und doch gleichzeitig von fundamentaler Bedeutung. Sie besagt nichts anderes als, dass man das ganze Thema aussitzen kann.

Alles gut uns schön, was unter These 1 bis 4 gesagt wurde, lass uns in fünf Jahren wieder darüber reden und wir hätten uns das ersparen können. Das wirft uns dann aber wieder auf die Frage zurück, welche Qualifikationen ein Internet-Kommunikator eigentlicht braucht und wieviel davon dialogspezifisch ist.

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