Freitag, 15. Februar 2019

Über meinen Selbstversuch, nachhaltig zu mobil zu telefonieren




Ich habe aufgegeben! Zugegeben: Die Idee von Fairphone ist großartig, fasziniert und reißt mit: Man kann auch Smartphone nachhaltig, sozial und ethisch produzieren! Keine menschenunwürdigen Bedingungen beim Schürfen notwendiger Spezialminerale und Erze, keine Sklavenarbeit bei der Montage und transparente Lohnstrukturen – alles Dinge, von denen die großen Produzenten sagten, man müsse sie leider in Kauf nehmen und das ließe sich nicht ändern.

Darüber hinaus ist der modulare Aufbau eine tolle Idee: Geht es etwas kaputt oder sind andere Leistungsmerkmale gewünscht, können einzelne Komponenten ausgetauscht werden ohne gleich das ganze Gerät austauschen zu müssen.

Genutzt habe ich das nie. Das ist so, wie die Menschen, die in der Großstadt wohnen, Dir alle Theater und Museum aufzählen, die sich so einfacher besuchen könnten, ohne in den vergangenen fünf Jahren in einem der Häuser gewesen zu sein.

Und das alles noch per Crowdfunding finanziert. Eine wirklich tolle Geschichte, an der alles dran ist, was eine gute Geschichte braucht.

War es übrigens beim Cargolifter auch – ein landeflächigen unabhängiges Lufttransport-System, das umweltfreundlich und sicher war. Hat nur leider nicht funktioniert.

Community-Tipp: Lösch doch die Apps...


Das Fairphone 2 funktioniert – im Groben und Ganzen. Auch wenn die Benutzung einen gewissen Enthusiasmus erfordert. Es gibt immer wieder Bugs, die man einfach akzeptieren muss. Aktuell lässt sich das Fairphone 2 bei Laden nicht an- und generell gar nicht wieder ausschalten. Das nennt sich dann der „never-turn-off-bug“ und wird in der Online-Community dokumentiert.

Da muss man im Sinne einer Holschuld regelmäßig nachgucken, was mal wieder nicht funktioniert und warum. Dort sind auch alle höflich und hilfsbereit und ich glaube, es gibt kaum ein Produkt, bei dem der Support vorrangig durch die Kunden gewährleistet wird.

Schon früh stellte ich fest, dass die Akkuleistung eher enttäuschend war. Nach gut sechs Monaten musste ich das Smartphone bis zu dreimal täglich aufladen. Es schaffte dann drei bis vier Stunden bei durchschnittlicher Nutzung.

Hilfe kam auch hier aus der Community: Lösch doch einfach die Social Media Apps von dem Handy – das sind reine Stromfresser. Am besten wäre es, dass Phone ganz ohne Apps zu benutzen – das erhöhe die Akkulaufzeiten nachhaltig.


Das kann es aber in modernen Zeiten nicht sein. Ich weiß, dass man ein paar Einschränkungen in Kauf nehmen muss, wenn man Gutes erreichen will. Meine Eltern haben in den 1980er Jahre schrumpeliges Öko-Gemüse in abgedunkelten Kellerläden gekauft und damit dazu beitragen, dass es überhaupt erstmal einen Nachfragemarkt nach ökologisch nachhaltigen Produkten gibt. Damals zog man als Schüler auch noch einen kratzigen Norwegerpullover an, wenn das Schaf glücklich war und Freunde ihn gestrickt hatten.

Öko kann heute auch schick und funktional sein


Heute geht öko und nachhaltig auch in schick und funktional. Aber das sollte es dann auch sein: Ein Android-Handy, dass immer noch auf Android 7.01 läuft, während aktuelle Modelle mit Android 9 am Markt sind, ist nun leider nicht mehr zeitgemäß.

Mag sein, dass das Fairphone 3 mit dem großen crowdfunding Erfolg im Hintergrund alles auswetzt, wo man aktuell enttäuschen muss – aber ob ich dann wieder wechsele bleibt offen. Es ist halt immer ein gewisse Leidensbereitschaft notwendig, wenn man zu den ‚Firstmovern‘ gehören will – mag sein, dass ich mich damit wieder in Mainstream verabschiedet habe, aber es nicht immer schlimm, auch mal mit dem Strom zu schwimmen bzw. sich treiben zu lassen.

Nachhaltig ist das Fairphone auf jeden Fall in Bezug auf die Werthaltigkeit: Gebrauchte Geräte lassen sich zu hohen Preise weiterverkaufen. So gesehen musste ich für meinen Ausflug in die Welt der nachhaltigen mobilen Telefonie nicht noch extra draufzahlen.

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Abstrampeln war gestern...


Ich nehme an, dass ihr die Fabel von Äsop mit den zwei Fröschen, die in die Milch fallen, alle kennt. Der Erste ergibt sich seinem Schicksal, geht unter und ertrinkt. Der Zweite strampelt sich ab und kann sich erschöpft auf einen Butterklumpen retten, den er durch das Milchtreten erzeugt hat.

Ein schönes Bild, das häufig bemüht wird: Gib nicht auf! Strampel Dich ab! Du wirst es überleben - und am Ende liegst Du japsend auf dem Butterberg...

Lange Zeit habe ich das auch geglaubt. Der erstrampelte Butterkloß unter den Füßen war so etwas wie ein Plateau beim fortwährenden Aufstieg, eine Zeit durchzuatmen, wieder zur Puste zu kommen, um dann den schweren Stein wieder bergan rollen zu können.

Die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel werden uns auch als Butter präsentiert: Es ist die besinnliche Zeit, um wieder zur Besinnung zu finden.

Ich habe auch lange geglaubt, dass diese Metapher auch für den Lebenszyklus gelten würden. Ihr wisst schon: Die Sachen mit dem Säen und dem Ernten, dem Aufbauen und dem vor dem offenen Kamin-Sitzen... Ich dachte, irgendwann macht es 'Plopp' und es geht nur noch sanft bergab durch sattgrüne Wiesen und Auen.

Dem ist aber nicht so! Abstrampeln war gestern - jetzt heißt es Dauerstrampeln! Es gibt keine Pause, keinen Butterkloß und kein Plateau. Es wird immer schlimmer, immer steiler. Gut, dass wir schon so viele Jahre gestrampelt haben: So haben wir eine gut trainierte Beinmuskelatur und können pausenlos weiterstrampeln, um nicht unterzugehen.

Äsop hat vor zweieinhalbtausend Jahren gelebt. Da war Milch noch Rohmilch und ließ sich durch Stampfen in Rahm und Butter verwandeln. Unsere homogenisierte, paseurisierte Milch von heute kann gestampft und gestoßen werden - außer Herumspritzen wird dabei nicht viel passieren. Das gilt auch für unsere modernes Leben: Es ist wurde ultrahoch erhitzt und zum Einheitsbrei gepresst - da kannste strampeln wie die willst, da passiert nichts.

Mittwoch, 20. September 2017

Was ist eine "me Convention"? Und für wen ist sie gemacht?

Nach außen ist es eine Konferenz mit visionären Machern, aber eigentlich ist es die perfekte Markeninszenierung für den Daimler-Konzern - ein Coup der selbst erfahrene Markenprofis beeindrucken muss.

Aber alles der Reihe nach: Die 'me Convention' ist der europäische Ableger der SXSW - 'south by southwest' aus Austin. Nach Deutschland geholt hat sie Dieter Zetsche persönlich, indem er im Frühling 2017 nach Texas flog (dazu gab es ein lustiges Video, wie er als Flugbegleiter erzählt, worum es bei der SXSW geht) und sich dort einen Cowboyhut, Stiefel und eine eigene Convention kaufte.

Screenshot (19.09.2017): Daimler auf Instagram
Ich muss zugeben, mich vor der 'me Convention' nicht wirklich mit der SXSW auseinandergesetzt habe. Hätte ich es getan, hätte ich besser einordnen können, was mich erwartet. Die 'south by southwest' ist Ende der 1980er Jahre von einer Gruppe Personen gestartet, die über die Zukunft der Unterhaltung(sindustrie) und Medien diskutieren wollte. Daher geht es immer um Musik, Film und interaktive Medien. Es ist also eher auch Festival als nur Konferenz.

Warum dieser historischer Ausflug? Mit diesem Vorwissen hätte ich in Frankfurt nicht so viele Fragezeichen gehabt bei diesem - wie Daimler es nennt - "internationale(n) Line-Up an Pionieren, Vordenkern, Abenteurern, Künstlern und Grenzverschiebern".

Die vier Vorträge, die ich hören konnte, waren interessant. Sehr gut vorgetragen - ohne Frage. Ich habe auch was gelernt. Ich lerne aber auch etwas von einem guten Blog-Beitrag oder einem ansprechenden Artikel in der Zeit oder 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung'. Mir war aber nicht ganz klar, wer die Zielgruppe ist?

Ich sehe Leute, die sich von Konventionen verabschiedet und ausgetretene Pfade verlassen haben. Tolle Menschen - ganz ehrlich. Aber ich kann nicht tun, was sie taten und ich hecke nicht direkt eigene Projekte aus, wenn ich etwas von tollen Projekten anderer höre. Trotzdem fühlen sich alle inspiriert und das liegt daran, dass Gründer derzeit die Rockstars der Generation Golf sind. Während wir täglich wieder ins Hamsterrad steigen, um das Einfamilienhaus abbezahlen zu können, machen sie sinnvolle Sachen.

Aber für wen die "me Convention" tatsächlich gemacht wurde, erlebte man man vor Ort: Die "me Convention" wurde für Daimler gemacht!

Die hippe Konferenz war de facto mit dem Messestand der Stuttgarter Autobauer auf der IAA verwoben! Die Lounge der Convention war eine Art offener Balkon in der Ebene über der zentralen Präsentationsbühne - über und unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern strömte das Messepublikum zu den neuen Highlights. Wir sahen die Messebesucher und die sahen uns.

me mittendrin: Die Convention war de facto Teil des Messtandes auf der IAA
Die Botschaft war klar: Daimler hat nicht nur neue Autos am Start, sondern auch die Hippster, die die Zukunft gestalten. Man konnte das Gefühl bekommen, die Convention sei nur ein weiteres, interaktives Exponat und jeder Teilnehmer ein Werbeträger für die Innovationskraft des Konzerns.

Das klingt nun recht negativ - ist es aber nicht ganz: Ich war beeindruckt von dieser fantastischen Markeninszenierung! Ein bisschen perfide, aber grandios und ganz wie es Daimler immer wieder macht: 'Warum sollte man sich auf einer Konferenz engagieren, wenn die Konferenz ein cooles Add-on auf meinem Messestand sein könnte?' mag man dort in der Marketingabteilung gedacht. "Disruptiv" hat man beim Daimler verstanden.

Freitag, 3. März 2017

Car2Go blockiert Einfahrt zum Garagenhof - und niemand ist zuständig

Tatort: Düsseldorf, Pempelfort. Tatzeit: Freitag Abend nach der Tageschau. Ein Car2Go-Smart blockiert die Einfahrt zu einem Garagenhof mit rund 50 Stellplätzen und Garagen in einem Wohnblock. Im Display blinkt es rot: "Fahrzeug defekt". Vom Fahrer weit und breit keine Spur. Auf der schmalen Wohnstraße stehen über zehn Fahrzeuge in 'zweiter Reihe', weil niemand zu seiner Garage kann.


Mit Car2Go, dem Ordnungsamt und mit der Polizei wurde bereits vor einer Stunde telefoniert. Niemand ist zuständig. Car2Go sagt: "Suchen Sie den Fahrer." Das Ordnungsamt sagt: "Wegräumen um rein zu fahren gibt es nicht. Wenn jemand raus müsste, wäre es etwas anderes." Muss aber gerade niemand raus. Ist ja Freitag Abend und alle wollen rein. Die Polizei sagt: "Keine Gefahr in Verzug. Da ist dann das Ordnungsamt zuständig." Das Ordnungsamt sagt: "Man könne einen Abschlepper auf eigene Rechnung bestellen und gegen Vorkasse abschleppen lassen und sich das Geld irgendwie vom Halter und Fahrer wieder beschaffen." Car2Go sagt: "Wir schicken jemanden mit Vorrang."

22 Uhr. Manche stehen jetzt schon drei Stunden auf der Straße. Frieren und Warten. Vorrang ist eben bei Car2Go auch eine relative Sache.

Am Ende konnte sich das kleinste Auto der Wartegemeinschaft über den Bürgersteig in die Einfahrt schlängeln. Nun ist er derjenige, der raus will. Das Ordnungsamt kommt direkt, Car2Go schickt jemand, der das Fahrzeug öffnet, die Batterie überbrückt und zur Seite fährt. Nach vier Stunden löst sich der Stau auf und alle bleiben genervt zurück. Guter Start ins Wochenende! Danke für nichts.

Donnerstag, 29. September 2016

Social Media Highlights: Opel hat den Längeren

Ich sammele für Schulungen und Vorträge immer gerne gute Beispiele verstandener Social Media Kommunikation. Dabei überlegen wir auch häufig, wie sich eine gute Idee, in den entsprechenden Kanälen "weiterdrehen" ließe - also: Wie kann man einen oben draufsetzen ohne albern zu kopieren.

Heute haben die Kollegen von @OpelDE dem schwäbischen Wettbewerber @DAIMLER gezeigt, wie es geht. Anlässlich des Pariser Autosalons präsentierte der Stuttgarter Autobauer seine neue Elektromobilitätsmarke. Der Vorstandsvorsitzende Zetsche lässt dafür in einem animierten GIF Blitze zwischen seinen Handflächen zucken. Der Text dazu sagt, dass er einen Abschluss als Elektroingenieur habe:


Ein Tag später kommt die Retourkutsche von Opel in Form des verbesserten Amperas, der nun 500 km Reichweite habe. Der Vorstandsvorsitzen Karl Thomas Neumann stellt sich in vergleichbare Zetsche Pose, lässt die Blitze krachen, erhöht mit ausgestreckten Armen mal eben die Reichweite deutlich und grinst dazu schelmisch. Der Kommentar: "College is over!"


Das gefällt! So macht Social Media Spaß! Glückwunsch nach Rüsselsheim: Heute liegt ihr nach Punkten vorne und habt hoffentlich auch bei diesem Tweet die größere Reichweite.