Sonntag, 24. Mai 2015

Früher war mehr Brief


Bei Umzügen oder beim Aufräumen fallen sie einem wieder regelmäßig in die Hände: Briefe aus der Vergangenheit. Und ich hatte sie auch fast alle aufgehoben - es war ja auch bequem die Kisten und Kartons im ehemaligen Kinder- und Jugendzimmer im elterlichen Haus verstauben zu lassen.

Bei handgeschriebender Korrespondenz streift einem gleich der Hauch der Hochkultur. Dem folgt in der Regel sofort ein Wehklagen wegen des Verlusts der Schriftlichkeit in Zeiten des Digitalen.

Auch ich mochte mich nicht leichtfertig von diesen Schätzen meiner Vergangenheit trennen und machte mich an die Durchsicht und Lektüre. Mehrfach musste ich gegen den Schlaf ankämpfen oder nickte einfach mit dem Totholz in der Hand ein.

Boah, was wir uns für einen Unsinn geschrieben haben und mit welch Banalitäten Briefbogen um Briefbogen gefüllt wurde! Die Briefpost wimmelte von Alltäglichem: Was der Zahnarzt gesagt hat, was es zu Essen gab, wo das Auto rostete und was in Ausbildung, Arbeit oder Studium gerade anstand.

Aber warum war das so in den 1980ern und 1990ern Jahren? Waren wir die "Generation trivial"? Nein, wir waren schlichtweg nicht zu erreichen! Etwas, dass man sich heute kaum noch vorstellen kann. Nach dem Abitur in der Kleinstadt, bin ich zum Militärdienst nach Norddeutschland gegangen. Die Telefonanschlüsse innerhalb der Kaserne konnten nur über die zentrale Telefon-Vermittlung erreicht werden. Und wer private Dinge am Dienstapparat besprechen wollte, wurde einfach nicht durchgestellt.

Im Studium wurde es nicht besser: In dem Wohnheim, in dem ich die meiste Zeit lebte, gab es anfänglich nur ein Telefon pro Gemeinschaftshaus. Das war entweder besetzt, kaputt oder alle hörten immer mit. Man konnte sich also nur schreiben, wenn man in Kontakt bleiben wollte.

Also schrieb man sich und man schrieb sich alles:
  • Ich fand viele Briefe mit Wegbeschreibungen zu Orten, an denen niemand mehr wohnt, der dies vormals geschrieben hatte. Es gab keine Navigationsgeräte. Also schrieb man: "Du fährst bis zur Ortsmitte und hinter der Kirche fährst Du die Straße links rein. Beim blauen Haus auf der rechten Seite, geht links zu eine Stichstraße ab..." - wann habt ihr das letzte Mal eine Wegbeschreibung verschickt?
  • Man schrieb sich, was ehemalige gemeinsame Klassenkameraden und Freunde gerade so treiben. Also 'Statusmeldungen', die jeder auf Facebook verfolgen kann, ohne dass ein anderer sie aufschreiben müsste.
  • Was mir besonders gefiel: Man schilderte Situationen bildlich. Warum? Weil man kein Bild hatte. Die Filme in den Fotoapparaten hatten in der Regel 24 oder 36 Bilder und man knipste nicht wahllos einfach drauflos. Man hätte ohnehin warten müssen, bis der Film voll war und dann entwickelt wurde. Also beschrieb man die beengende Situation im WG-Zimmer, seine Dienstkleidung oder die Rostbeulen am alten Golf, den man vom Großonkel günstig übernehmen konnte.
Alles ganz putzig und für den Moment ganz unterhaltsam - aber auch nichts für die Ewigkeit. Deswegen muss noch lange nicht jeder Brief in die Tonne gekloppt werden, aber auch nicht jeder ist archivierungswert. Anders gesagt: Wir möchten auch nicht alle Facebook-Stati ausdrucken, um sie in 20 Jahren in Ruhe noch mal nachlesen zu können. Es ist ok, dass nicht alles für die Nachwelt erhalten bleibt, weil es schlicht nicht erhaltenswürdig war. Nicht alles im digitalen Wandel ist schlecht: Er macht Vergängliches vergänglich und versieht Platitüden nicht mit Patina.

Und die besten Briefe hebe ich natürlich weiterhin auf und nehme sie in fünf Jahren beim nächsten Umzug genauso gerne wieder zur Hand wie heute.

Sonntag, 17. Mai 2015

Internet Trend aus dem Schwarzwald

Ich habe an diesem Wochenende einmal die großes Rechercherunde duchs Internet gedreht und bin dann wieder in Deutschland gelandet - genauer gesagt an der FH Furtwangen.

Vor der Ankunft steht aber der Aufbruch: Auf YouTube stolperte ich über ein Video, in dem US-amerikansiche Schüler Playback singend rückwärts durch ihre Highschool laufen. Alles mit einer Kameraeinstellung ohne Schnitt gefilmt und produziert. Das ist lustig - vor allem, wenn die Schule riesengroß ist und es immer noch weitergeht.

Wie es ansonsten auch noch weitergehen könnte zeigt das Video-Portal in der rechten Spalte als ähnliche Formate an. Einmal losgegoogelt lassen sich endlos viele "lipdup highschool videos" im Web finden.

Jeder kennt Isaacs Antrag, der vor fast genau drei Jahren veröffentlicht und bisher fast 30 Millionen mal angeklickt wurde. In Anbetracht des Ausmaßes und Umfang des mit dem zu der Zeit bereits lipub videos aller Orten produziert wurden eine fast überraschende Popularität.

Wenn das Internet sich nicht irrt, dann hatten Studierende der FH Furtwangen im Schwarzwand im Sommer 2008 die Idee ihre Hochschule mit einem Playback Video vorzustellen. Das kam dabei heraus und fand schnell viele Fans, Freunde und Nachahmer aus dem universitären Umfeld europa- und weltweit. Danach war es nur ein kleiner konsequenter Schritt zu den "School LipDubs".

In den USA gibt es viele regionale und scheinbar auch nationale Wettbewerbe, die seit mehreren Jahren Preisgelder für diese Highschool Videos in verschiedenen Kategorien ausloben. So etwas befeuert einen Trend natuerlich, der in Europa seit fast fünf Jahren nicht mehr grassiert - vermutlich ein Grund, warum er irgendwie an mir vorbei gerannt ist.

Nun ja, jetzt habe ich ihn ja sieben Jahre nach dem Kickoff im Schwarzwald wieder eingeholt. Ihr habt das sicher schon wieder alles gewusst - aber vielleicht auch schon wieder vergessen...

Dienstag, 5. Mai 2015

Was ist Social Media 2.0?


Klar ist es vermessen, sich an Tim O'Reilly mit seiner Frage "Was ist Web 2.0?" anzulehnen, aber von nichts kommt nichts und außerdem will ich ja darauf hinaus, dass wir inzwischen so etwas wie die nächste Generation des Web 2.0 haben: Das Web 2.0 2.0 sozusagen. Oder wenn man "Social Media" al Synonym zu Web 2.0 verwenden möchte, haben wir jetzt "Social Media 2.0".

Bereits vor drei Jahren veröffentlichte hier anlässlich der re:publica 12 "Fünf nüchterne Thesen zur Zukunft von Social Media: 'Is' alles gar nich' so wild'." Streichen muss ich davon nichts. Ich bleibe auch standhaft bei meiner Kernthese, dass Social Media sterben werden - sie werden ein Bestandteil digitaler dialogorientierter Kommunikation. Künftig sind wir da, wo wir angefangen haben:

Web 1.0 + Web 2.0 = Internet

Aber was künstlich differenziert wurde, lässt sich scheinbar nicht so einfach reintegrieren. Vielleicht sind einzelne Mutationsschritte in der Evolution zum Urzustand notwendig.

Ich behaupte in Bezug auf Social Media Kommunikation haben wir inzwichen bereits die nächste Entwicklungsstufe, eine neue Version erreicht: Social Media 2.0

"Social Media 2.0" sind der langweilige Bruder des coolen Kids. "Social Media 2.0" spielen Klavier, während die coolen "Social Media 1.0" E-Gitarre spielen, sie spielen Hallenfußball, während die Coolen "Kite-Surfen", sie tragen Palomino-Jeans von C&A, während die anderen Levis 501 tragen. "Social Media 1.0" trägt Wollmütze, Sonnenbrille und Bart - "Social Media 2.0" tragen Anzug und Krawatte.

Social Media sind der Zuckerguss auf dem Kuchen, das Cremehäubchen auf dem Cupcake, die Schörkel am Bilderrahmen. Toll anzusehen, aber alleine sinnlos. Inzwischen wollen viele lieber den Kuchen und den Cupcake essen oder das Bild im Rahmen betrachten.

Konnte man vor ein paar Jahren mit einer Social Media Aktion Aufmerksamkeits-Punkte ernten, so fragt man heute nach dem "Return on Invest". Etwas Nettes zu machen reicht nicht mehr, wenn es nicht messbar auf wertschöpfendes Ziel einzahlt. Social Media sind im langweiligen Corporate Alltag angekommen.

Klickten führer noch 1 Million Youtube-Nutzer auf eine Flashmob-Video, so geigt heute jedes Dorf-Orchester "überraschend" an der Bushalte-Stelle. Nichts gegen Flashmobs - es macht vermutlich Spaß daran teilzunehmen und die Erinnerung soll man gerne untereinander teilen - aber nur für digitales Schulterklopfen aus der Community gibt es heute keine Budgets mehr als den Kommunikationsabteilungen der Unternehmen.

Ich wünsche mir kein Social Web der Krawatten-Träger und es wird hoffentlich weiterhin diesen kreativen Freiraum geben, den die Nutzer sich im Web 2.0 genommen haben, aber die Spielwiese wird zusehends Bandenwerbung bekommen und die Vermachtung der Öffentlichkeit sich nicht aufhalten lassen.

Social Media Manager ist ein Beruf und "Social Media 2.0" Realität.

Was ist also Social Media 2.0? Hier eine tabellarische Übersicht: