Montag, 14. März 2016

Schlipslosigkeit als Statement

Der Stoff um den Hals ist mir schon länger ein Dorn im Auge - aber eigentlich ist es nicht die Krawatte deretwegen ich eine selbige habe, sondern deren Abwesenheit. Ich habe nichts gegen offene Hemdkragen - weder privat noch im beruflichen Umfeld. Mich stört nur das reflexartige, unreflektierte Ablegen, sobald der Vorstand die Schlinge um den Hals als das männliche Machtsymbol nicht mehr zur Schau stellt.

Auslöser der aktuellen Auslassungen war die Meldung, dass der Conti-Vorstand als Zeichen der Flexibilität der Krawatte abschwöre.

Die Botschaft ist klar: Seht nur, wir machen uns mit der Belegschaft gemein. Wir sind einer von euch: Wir sind nicht mehr formal, sondern 'easygoing', absolut 'Silicon Valley' und startuppig, was das Zeug hergibt. Kaum fällt der Binder beim Top-Management, kaskadiert die Krawattenlosigkeit durch das Unternehmen: Niemand möchte mehr etwas baumeln haben, wo die Leitung Halsfreiheit hat.

Dabei ändert sich auch ohne Schlips nichts. Es wird weiterhin nur für das eigene (Sand-) Kästchen innerhalb der Organigramms gedacht, nicht über den Tellerrand geguckt und der Silo versiegelt, damit das Denken diesem nicht entweichen kann. Ein reines Lippenbekenntnis, das aus Weglassen besteht. Man sollte meinen, weniger sei mehr, aber hier ist mehr oder weniger, weniger gar nichts. Alles bleibt wie es ist nur ohne Schlips.

Hat man ernsthaft geglaubt, dass man die negativ besetzte Bezeichnung "Schlipsträger" dadurch los wird, dass man keinen Schlips mehr trägt? Es geht dabei um Haltung. Und die lässt sich nicht Ablegen wie Stück Stoff. Ein verbohrter Machtmensch bleibt ein verbohrter Machtmensch, egal was er um den Hals trägt oder nicht.

Für mich die Schlipslosigkeit kein Statement und ich schließe mich dem Trend auch nicht aus Bequemlichkeit an - ganz im Gegenteil: Je mehr das Ablegen von Krawatten nur eine inhaltsleere, symbolische Handlung ist, desto eher trage ich ganz bewusst wieder Binder, um mich von den schlipslosen "Schlipsträgern" durch das Tragen eines Schlips abzuheben.

Und wenn man dann eines Tages über die Entscheider und Führungskräfte nicht mehr abfällig als "Schlipsträger", sondern "offene Hemdkragen" spricht, dann trage ich Krawatte und zeige, dass ich nicht dazugehöre.