Freitag, 23. Januar 2015

Apps töten das Web

Es müssen die Wechseljahre sein - zumindest in Bezug auf meine Meinung: Ich bin launisch und wankelmütig. Verdi wusste schon früher, dass "mobile" hier das richtige Adjektiv ist.

Aber ich war wie vom Donnerschlag gerührt und muss nun revidieren, was ich vor knapp zwei Monaten hier schrieb: Ich habe mich geirrt - und das ist wie ein Tag mit hitzefrei in einem öffentlichen Schwimmbad: Es macht einfach keinen Spaß!

Genauso wenig macht es Spaß zuzugeben, dass daran die Lektüre der "Neuen Clues" als Ergänung des "Cluetrain Manifest", die Doc Searls und David Weinberger Anfang 2015 veröffentlichten. Es macht deswegen keinen Spaß dies zuzugeben, weil ich nicht in ein reflexartiges Hecheln verfalle, wenn jemand mit dem Cluetrain-Glöckchen klingelt. Die Thesen waren ihrer Zeit voraus, einige sehr treffend, andere - für mich - unverständlich und viele wirken so, als habe man sich noch dazwischen geschoben und die lutherische Zahl von 95 zu erhalten. Als Dozent in Social Media Dingen kommt man am Cluetrain-Manifest nicht vorbei - das ist auch gut so, aber auch ausreichend angemessener Raum der Würdigung.

Und nun der Schock: Ich lese Searls / Weinberger und es fällt mir wir Schuppen von den Augen und ich bin für Bruchteile mikro-erleuchtet, bekomme Zusammenhänge offenbart, die ich zuvor nicht sah. Das ist unangehm!

Eigentlich beginnt es bei These Nr. 68, wenn es um das Thema Apps und Social Media geht. Apps und Social Media untergraben das Grundprinzip des Internet. Das Internet war stets mehr als die Summe seiner Teile. Durch den freien Zugang zu Informationen und die Schaffnung neuer Kombinationen und Sinnzusammenhänge durch die Verknüpfungen mit Links, gaben dem Netz den Mehrwert.

Apps und Social Media Plattformen sind Silos. Sie halten die Informationen gefangen. Manche werden angefüttert mit Informationen aus dem Internet, aber sie teilen ungern und lassen sich nicht immer so einfach über ihre abgrenzenden Schutzzäune gucken. Oder wie Searls und Weinberger schreiben: "70. Bei Webseiten geht es um Vernetzung. Bei Apps um Kontrolle." Und: "73. Jede Website macht das Web größer. Jeder neue Link bereichert das Web."

Also: Heiligt den Link!

- oder auch nicht. Aber heiligt die Möglichkeit auf Inhalte verlinken zu können. Macht eure Inhalte verlinkbar - sonst stirbt das Netz!

Befreit, was ihr denkt, was ihr zu sagen habt, aus Apps und sozialen Netzwerken, so wie ihr dem Aufruf zur Befreiung der Gartenzwerge aus den Vorgärten gefolgt seid!

Ich selber hatte geschrieben: "Alles wird App!" Apps reduzieren die Komplexität, sind klar strukturiert und lösen das Problem, für das sie programmiert wurden am besten und effiziensteten. Ein komplexes Online-Projekt, was alles lösen soll, löst nichts gut. So wie wir für verschiedenste Lebenssituationen verschiedenste Apps einsetzen, könnte sich die gesamte Online-Landschaft fraktionieren, zerkleinern und komprinieren.

In viele Projekten stellt man sich inzwischen die Frage: "Brauchen wir noch eine Website? Und wenn ja, wie viel davon?" Die Antwort kann nur "Ja, ja, ja! Unbedingt!" heißen. Denn ohne Websites legen wir das Datenmeer zusehendes trocken. Wenn alles nur noch App wäre, gäbe es irgendwann keine Internet-Informationen mehr, die Apps ausgelesen werden. So wie Apps die Inforamtionsflut zur Zeit noch erfolgreich kanaliesieren und uns so bei der Strukturierung und Verarbeitung von Informationen helfen, wären sie wirkungslos, wenn die Quelle versiegte. Somit Opfer ihres eigenen Erfolgsmodells. Die Revolution fräße wieder einmal ihre Kinder.

Nun ja, ich mag irgendwie Searls und Weinberger nicht ungeschränkt recht geben. Man Ende des Tages sollte man das eine tun ohne das andere zu lassen. Die Lösung kann nur lauten: Denkt nicht ausschließlich in Apps, sondern füttert eine Website fleißig, damit rund, fett und groß wird. Gebt damit anderen Apps, Anwendungen und Wissens-Sucher weiterhin die Chance, eure Bausteine zu nutzen, um Neues zu schaffen.

Verstanden? Gut! Weitermachen wie immer.