Samstag, 29. November 2014

Ab jetzt: Alles App


 
Es ist der Klassiker: Wenn etwas alles können soll, dann kann es nichts richtig gut. Das Schweizer Taschenmesser für alle Eventualitäten des Lebens würde in keine Hosentasche passen. Holistische, allumfassende Lösungen sind keine, sondern lösen sich auf: Unter dem Druck allem, was hineingestopft wird, verflüssigt sich der Kern, verlieren sich Strukturen, das Konstrukt wird instabil und kollabiert.
 
Das könnte mit Facebook passieren - mit AOL und T-Online ist es bereits passiert. In die selbe Kerbe schlägt auch die These der "Implosion Facebooks" von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, die seit Anfang 2014 diskutiert wird. Nico Lumma widerspricht dem Vergleich vehement: "Facebook wird nicht implodieren, denn Facebook erfindet sich täglich immer wieder ein Stück weit neu."
 
Ich finde, streng genommen widersprechen sich die beiden Positionen nicht: Wenn Facebook sich nicht verändert, wird es implodieren - aber da es sich ständig verändert, wird es nicht luftleer in sich zusammensacken wie eine leckgeschlagene Hüpfburg. Passt also beides! Es ist ein bisschen so wie in der "Unendlichen Geschichte" von Micheal Ende: So lange es Atréju / Bastian schaffen immer einen Schritt schneller zu sein als das "Nichts", werden sie nicht verschlungen.

Es muss nicht immer Facebook sein - das gleiche gilt für Unternehmens-Websites. Das mögliche Schicksal der 'Großen' droht auch in kleineren Maßstäben: Komplexe Strukturen einer komplexen Organisation auf einer Plattform abzubilden und dabei allen (berechtigten) Ansprüchen gerecht werden, wird immer weniger gelingen.

Planungsrunden zur Optimierung des Online-Auftritts eines Konzerns haben inzwischen den Umfang und die Dauer unbemannter Mars-Missionen. Kaum jemand ist in der Lage, eine dafür notwendige Makro-Strategie zu entwickeln. Und so kommt's wie im echten Leben: Schießt der Stürmer am Tor vorbei, dann zieht er sich erstmal die Stutzen hoch und wird das öffentliche Chaos unübersichtlich, beginnen Polizisten damit, den Verkehr zu regeln. Wo die Überforderungen beginnt, setzt auch das Mikro-Management ein. Bei komplexen Webprojekten ist die Lösung schnell gefunden und schon stellt jemand im Projekt-Meeting die Frage: "Können wir diesen Aspekt nicht mit einer App abbilden?"

So verkehrt ist das nicht: Die Entwicklung einer modernen App ist der Entwicklung ist eine ähnlich anspruchsvolle Aufgabe wie die Entwicklung einer ganzen Website vor zehn oder fünfzehn Jahren. Ferner entspricht die Logik der Verwendung von Apps auch unseren alltäglichen Nutzungsmustern, die wir von Smartphones und Tabletts gewohnt sind: Für jede spezifische Aufgabe gibt es eine spezifische App als Lösung.
 
Wir wollen unsere gelaufenen Kilometer zählen? Dafür gibt es eine App. Wir wollen die aktuellen Fußball-Tabellen? Dafür gibt es eine App. Wir brauchen eine Bus-Verbindung? Auch dafür gibt es eine App. Wir wollen etwas Spezifisches von einem Unternehmen wissen? Wir müssen uns durch eine vollgestopfte Website mit schlechter Suchmaschine wühlen und verstehen lernen, nach welchen Regeln die Verantwortlichen die Inhalte ausgewählt und strukturiert haben. Ein klares 'don't like'.
 
Die Alternative zu der schwerer zu beherrschenden ‚inneren Artenvielfalt‘ kann aber auch nicht eine ‚äußere Einfältigkeit‘ sein: „One size fits all“ bedeutet, dass das T-Shirt bei einem hauteng aufträgt und beim anderen schlabbert.
 
In der Frühzeit des TVs war es undenkbar, dass es irgendwann einmal ähnlich viele TV-Sender geben würde, wie es zu der Zeit Zeitungen gab. Zeitungen sollten und durften als Tendenz-Betriebe eigene Meinungen haben und Position beziehen, denn durch die Vielzahl der Zeitungen war sichergestellt, dass der Auftrag der Meinungsbildung im Mittel durch sie alle gemeinsam ausgewogen vertreten würde. Das nannte man - vor dem großen Zeitungssterben - Außenpluralismus. Der TV-Sendebetrieb war vormals so komplex, dass dieser nur durch Anstalten des öffentlichen Rechts übernommen werden konnte. Es gab so wenig Fernsehsender, dass ein Außenpluralismus etwaige Tendenzen hätte nicht ausgleichen können. Man erfand daraufhin den Binnenpluralismus - paritätisch besetzte Fernsehräte, die in internen Schlachten für Ausgewogenheit sorgen sollten.
 
Vor zehn oder 15 Jahren war die Situation im Internet ähnlich: Das Web-Business war neu, Domains waren teuer und auf einer gemeinsamen Website sollten möglichst alle Ansprüche der Organisation angemessen berücksichtigt werden. Die Steuerung von Online-Projekten orientierte sich am Binnenpluralismus der Organisation. So wie es inzwischen unzählige TV Sender gibt und auch im privat-wirtschafltichen Sendebetrieb die Regeln Wettbewerbs bzw. des Außenpluralismus gelten, so kann dank Social Media und Software as a Service kann jeder Empfänger zum Sender werden: Vielleicht ist es Zeit, das unbewegliche Tankschiff der komplexen Organisations-Website zu einer Flotte von wendigen Schnellbooten umzubauen und die Web-Kommunikation der Organisation auf Außenpluralismus umzustellen! Holistische Strukturen sollten zu Gunsten leistungsfähiger, spezialisierter, kleinerer Fragmente aufgegeben werden: Ab jetzt wird alles App!